Modellprojekt "Abschlussquote erhöhen - Berufsfähigkeit steigern (AQB)" bei der Schule am Falkenweg in Sande ab dem 01.08.2010

Betreff
Modellprojekt "Abschlussquote erhöhen - Berufsfähigkeit steigern (AQB)" bei der Schule am Falkenweg in Sande ab dem 01.08.2010
Vorlage
696/2010
Art
Vorlage

Begründung:

1.
Ausgangslage
Bundesweit ist festzustellen, dass diverse Schülerinnen/Schüler ihren Hauptschulabschluss nicht erreichen. Auch im Landkreis Friesland erlangen bis zu 10 % der Hauptschüler nicht ihren Hauptschulabschluss.

Hier gilt es, durch gezielte Maßnahmen zu erreichen, dass grundsätzlich jeder Schüler seinen Hauptschulabschluss erlangt.


2.
Modellprojekt „Abschlussquote erhöhen – Berufsfähigkeit steigern“
Zu diesem Zweck hat die Bundesagentur für Arbeit in Zusammenarbeit mit dem Land Niedersachsen das Modellprojekt „Abschlussquote erhöhen – Berufsfähigkeit steigern“ (AQB) gestartet.


Ziel dieses Modellprojekts ist es, dass die Schülerinnen/Schüler der Hauptschule ihren Hauptschulabschluss erreichen; ferner, dass die Berufsfähigkeit dieser Schülerinnen/Schüler gefördert wird mit dem Ziel, eine berufliche Ausbildung beginnen zu können.


Teilnehmer dieses Modellprojekts sind Berufsstarterklassen mit Schülern, bei denen sich am Ende der 7. Klasse abzeichnet, dass das Erreichen des Hauptschulabschlusses gefährdet ist.


Das Modellprojekt beinhaltet eine ganzheitliche Förderung und Lernunterstützung (schulische Leistungen, Schlüsselqualifikationen, Berufsorientierung, berufspraktische Leistungen, Berufsstartbegleitung).

Das Nds. Kultusministerium hat für den Unterricht in den Berufsstarterklassen, die am Projekt AQB teilgenommen haben, alle curricularen Freiheiten eingeräumt, die die jeweilige Schule für ihr Projekt benötigt. So wird die Stundentafel außer Kraft gesetzt und auch die Fächereinteilung aufgehoben.

Die Kernfächer Deutsch und Mathematik bleiben als einzelne Notenfächer, daneben werden Geschichte/Erdkunde/Politik zur Gemeinschaftskunde und Biologie/Physik und Chemie zu Naturwissenschaften zusammengefasst. In die Note für das Fach Wirtschaft geht die Leistung aus der „Theorie zur Berufspraxis“ (Praktikumsberichte, Bewerbungstraining, vertiefte Berufsorientierung) mit ein.

Die Schülerinnen/Schüler werden in zwei Jahren fast ausschließlich projektorientiert, fächerübergreifend und individualisiert unterrichtet. Aufgrund der kleinen Lerngruppe ist es möglich, anhand der individuellen Förderpläne differenziert am Kompetenzerwerb zu arbeiten. Außerdem können im Rahmen der Ganztagsschule in den 7./8. Stunden gezielte, weitere individualisierte Angebote erfolgten (ggf. Englisch, Sozialtraining, Theorie zur Berufspraxis, Neigungskurse wie z. B. Musik, Förderstunden etc.).

Weiter wird im Rahmen des Modellprojekts insbesondere das Sozialtraining als Voraussetzung für den Lernerfolg geübt.

Das Sozialtraining und die Steigerung der sozialen Kompetenzen ist für die „akut abschlussgefährdeten Schülerinnen/Schüler“ von grundlegender Bedeutung, stehen als Versagungsursache häufig soziale Armut, Verdrängung, Absentismus und Stigmatisierung dem Lernerfolg entgegen.

Kann den Schülerinnen/Schülern ein neues, besseres Selbstwertgefühl vermittelt werden, steigt die Lern- und Leistungsmotivation und damit ihre individuelle Handlungsfähigkeit.

Der Unterrichtstag muss nicht dem 45-Minuten-Konzept folgen, sondern kann sich den individuellen Bedürfnissen anpassen.

Der eigentliche Gewinn ergibt sich einerseits aus dem fehlenden Reibungsverlust (kein Fachlehrerwechsel, kein Klassen-Fachraumwechsel, kein Hausaufgabenabfragen, kein Warten auf den letzten Störer, Betriebsbesichtigungen werden zu Klassenausflügen und Klassenfahrten eröffnen neue Perspektiven der Berufsorientierung), andererseits aus den klaren Strukturen: Klassenlehrer und Berufsstartbegleiter arbeiten eng zusammen, Rückmeldungen kommen schnell und konsequent.

An drei Schultagen in der Woche werden die lern- und leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Modellprojekts in der Schule unterrichtet. An zwei festen Praxistagen pro Woche kommt im Praktikum den Betrieben eine zentrale Bedeutung zu.


Sowohl für den Unterricht und für Betreuung und Praktikum als auch für die individuelle konsequente Begleitung und Förderung sollte der Schlüssel maximal 15 Schüler – ein Lehrer – ein Berufsstartbegleiter sein.

Das Modellprojekt wurde in Niedersachsen mit dem Schuljahr 2007/2008 bei insgesamt 24 Schulen eingeführt, darunter u. a. bei der Hauptschule Schortens.

3.
Das Modellprojekt AQB an der Hauptschule Schortens
Bei der Hauptschule Schortens wurde im Schuljahr 2007/2008 eine AQB-Klasse mit 13 Schülerinnen/Schülern eingerichtet.

Im Schuljahr 2008/2009 wurden zwei weitere Klassen mit jeweils 16 Schülerinnen/Schülern geschaffen.

Die Schülerinnen/Schüler kommen aus dem gesamten Landkreis Friesland. Im Landkreis Friesland und in der Stadt Wilhelmshaven haben sich 87 Firmen und Einrichtungen bereit erklärt, die Praxistage anzubieten.

Der Landkreis Friesland als Schulträger der Hauptschule Schortens stellte die Schulräumlichkeiten für die Berufsstarterklassen zur Verfügung; ferner übernahm er als Träger der Schülerbeförderung die Schülerbeförderungskosten.

4.
Erfahrungen aus dem Modellprojekt
4.1
Auf Landesebene
92 Prozent der Teilnehmer an AQB-Klassen haben einen Hauptschulabschluss erreicht. Diese Abschlussquote kann als ein großer Erfolg gewertet werden.

47 % der Teilnehmer begannen mit einer beruflichen Ausbildung. Insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund haben beim Erreichen des Hauptschulabschlusses von dem Besuch einer Berufsstarterklasse profitiert.

Dem Praktikum in den Betrieben kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. 94 % der Teilnehmer mit einer betrieblichen Ausbildung nahmen diese in ihrem Praktikumsbetrieb auf. Im Rahmen der Evaluation des Modellprojekts antwortete mehr als die Hälfte der Schülerinnen/Schüler einer AQB-Klasse, dass sie lieber zur Schule gehen, seitdem sie in der Berufsstarterklasse sind.

4.2
Erfahrungen der Hauptschule Schortens mit den AQB-Klassen
Alle 13 Schülerinnen/Schüler, die die AQB-Klasse im Schuljahr 2007/2008 besucht haben, haben auch einen Hauptschulabschluss erreicht. Von diesen sind insgesamt neun in eine anschließende Ausbildung gegangen.

In den Klassen, die ab dem Schuljahr 2008/2009 eingerichtet wurden, werden von den insgesamt 32 Schülerinnen/Schülern ca. 24 einen Hauptschulabschluss erreichen.

Für bislang 8 Schülerinnen/Schülern wurden bereits mündliche Ausbildungszusagen für August 2010 getroffen.

Die Schülerinnen/Schüler fühlen sich „rundum“ gut betreut. Sie gehen gern in ihren Praktikumsbetrieb. Sie haben die Möglichkeit, mehrere Berufe auszuprobieren und daher einen realistischen Einblick in den beruflichen Alltag zu bekommen, sowie eigene Stärken und Fähigkeiten zu erkennen.

Seitens der Erziehungsberechtigten wurden ausnahmslos positive Rückmeldungen geäußert. Das Projekt wird als letzte Chance angesehen, durch die ihre Kinder im letzten Moment „die Kurve gekriegt haben“. Durch den abwechslungsreichen und vor allem praxisorientierten lernen die Schülerinnen/Schüler sich teilweise von einer ganz anderen Seite kennen und entdecken neue Stärken und Fähigkeiten. Durch die festen Praktikumszeiten über die gesamte Laufzeit des Projektes stehen die Chancen einiger Schülerinnen/Schüler nach dem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz zu bekommen, besser, als nach dem „normalen“ Abgang/Abschluss nach Klasse 9.

Die Betriebe sind den Projekten gegenüber sehr positiv eingestellt. Sie haben die Möglichkeit, potentielle Auszubildende für einen längeren Zeitraum intensiv kennenzulernen. Sie erleben die Entwicklung der Schülerinnen/Schüler und können so ihr Leistungspotential und ihre Motivation gut einschätzen. Auch leistungsschwache Schülerinnen und Schüler haben durch dieses Praktikum die Möglichkeit, ihr praktisches Können unter Beweis zu stellen. Dadurch haben Schüler gute Chancen, in ihrem Praktikumsbetrieb eine Ausbildung machen zu können. Weiter begrüßen es die Betriebe sehr, dass sie durch ihre Berufsstartbegleitung einen ständigen Ansprechpartner haben.

5.
Einrichtung einer AQB-Klasse bei der Schule am Falkenweg im Schuljahr 2010/2011
Der zukünftige Schulleiter der Schule am Falkenweg in Sande, Herr Vogt, möchte aus den o. a. Gründen auch bei der Schule am Falkenweg eine AQB-Klasse einrichten.

Diesbezüglich haben diverse Besprechungen zwischen der zukünftigen Schulleitung, der Bundesagentur, der Landesschulbehörde sowie dem Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft gGmbH (BNW) stattgefunden.

Hierbei wurde deutlich, dass das Land Niedersachsen, welches bislang eine Kofinanzierung zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit wahrgenommen hat, sich landesweit aus dieser Mitfinanzierung mit Ende des Schuljahres 2009/2010 zurückziehen wird.

Von verschiedener Seite wurde nachhaltig beim Land Niedersachsen insistiert, die Erfolge der AQB-Klassen zu erhalten und sich nicht aus der Finanzierung zurückzuziehen. Leider vergeblich.


Die Bundesagentur für Arbeit hat erklärt, dass sie die gesamten Kosten nicht übernehmen wird.

Allenfalls sei denkbar, dass sich die Bundesagentur für Arbeit, wie bisher, mit ca. 50 % an den notwendigen Kosten beteiligen wird.

Die Kosten für Personal, die Ausstattung und für Sachmittel belaufen sich über einen zweijährigen Zeitraum auf ca. 93.600 €.

Bei den Personalkosten sind insbesondere die Kosten für die Berufsstartbegleitung zu berücksichtigen.

Die Berufsstartbegleitung könnte, wie bisher auch, durch das BNW wahrgenommen werden.

Erreicht werden konnte bei der Landesschulbehörde, dass für die AQB-Klasse bei der Schule am Falkenweg zusätzliche Lehrerstunden bereitgestellt werden.


Es verblieben mithin Kosten in Höhe von ca. 46.800 €, die, bedingt durch den Wegfall der Konfinanzierung durch das Land Niedersachsen, von dritter Seite zu finanzieren wäre.

Die Stadt Wilhelmshaven hat signalisiert, dass aus ihrer Sicht eine Kofinanzierung möglich wäre, wenn in einer AQB-Klasse bei der Schule am Falkenweg in Sande auch Schülerinnen/Schüler aus Wilhelmshaven beschult würden.

Eine Abfrage bei interessierten Hauptschulen aus Wilhelmshaven und dem Landkreis Friesland hat ergeben, dass zurzeit 17 Schülerinnen/Schüler an einer Beschulung in einer AQB-Klasse interessiert wären. Die Hälfte davon käme voraussichtlich aus Wilhelmshaven, so dass unter Berücksichtigung eines solchen Verteilerschlüssels auch die Hälfte der ungedeckten Kosten durch die Stadt Wilhelmshaven übernommen werden könnte. Somit verbliebe für die Monate August bis Dezember des Jahres 2010 für den Landkreis Friesland eine zu finanzierende Summe in Höhe von ca. 9.800 €. Im Jahr 2011 wären es ca. 23.400 €.

Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass durch eine Beschulung in AQB-Klassen die Wahrscheinlichkeit groß ist, einen Hauptschulabschluss zu erlangen, ferner, dass eine berechtigte Perspektive bei den Schülerinnen/Schülern besteht, einen Ausbildungsplatz erlangen zu können, wird vorgeschlagen, dass zwecks Realisierung des Projekts an der Schule am Falkenweg die Finanzierung des Fehlbedarfs in dargestellter Form durch den Landkreis Friesland mit Beginn des Schuljahres 2010/2011 für die Jahrgangsstufe 8 der Hauptschule und sonach sich ggf. in den Folgejahren ebenfalls für die Jahrgangsstufen 8 der Hauptschule wiederholend übernommen wird. Der Schulstandort Sande würde durch diese Maßnahme nachhaltig gestärkt. Ferner besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Sozialträger, bedingt durch eine realistische Perspektive der Schülerinnen/Schüler auf einen Arbeitsplatz, entlastet werden.
Auch andere kommunale Gebietskörperschaften gehen aus den genannten Gründen ähnlich vor und übernehmen die nicht gedeckten Kosten der berufsorientierenden Begleitung an den Hauptschulen.

Herr Vogt steht in der Sitzung für ergänzenden Erläuterungen und Rückfragen zur Verfügung.





Beschlussvorschlag:

Der Einrichtung des Modellprojekts „AQB“ bei der Schule am Falkenweg in Sande ab dem 01.08.2010 wird zugestimmt.

Finanzielle Auswirkungen: Ja

Gesamtkosten der Maßnahmen (ohne Folgekosten)

im Ergebnishaushalt 2010: ca. 9.800 €,

ab 2011: ca. 23.400 €

Direkte jährliche Folgekosten

Finanzierung:

Mehreinnahmen aus Gastschulgeldforderungen

Eigenanteil

objektbezogene Einnahmen



Sonstige einmalige oder jährliche laufende Haushaltsauswirkungen


Erfolgte Veranschlagung: Nein

im Ergebnishaushalt Produkt- bzw. Investitionsobjekt:


_______________ gez. Thöle

Sachbearbeiter/in Fachbereichsleiter

Sichtvermerke:

____________ ________________ gez. Ambrosy

Abteilungsleiter Kämmerei Landrat

Beratungsergebnis:

Einstimmig

Ja-Stimmen



Nein-Stimmen



Enthaltungen



Kenntnisnahme

Lt. Beschluss­vorschlag

Abweichender Beschluss